iA


Der lange Atem des Matthias Mander

Lesezeit: ungefähr 4 Minuten.

In der Notzeit nach dem Ende des Krieges absolvierte er in seiner Heimatstadt Graz die Handelsakademie. Als junger Betriebswirt übersiedelte er im Staatsvertragsjahr 1955 nach Wien, arbeitete dort jahrzehntelang für einen großen, traditionsreichen Industriebetrieb. Am nördlichen Rand von Wien, in Gerasdorf, schuf er sich schließlich ein neues Zuhause. In die Steiermark aber kehrt Mander, der kürzlich seinen 80. Geburtstag feierte, immer wieder zurück, schließlich leben hier die meisten seiner Romanfiguren.

 

Als er im Alter von 46 Jahren seinen ersten Roman, „Der Kasuar“, vorlegte, ein in Gehalt und Gestalt höchst ungewöhnliches Werk, sahen nicht wenige Kritiker in ihm einen spätberufenen Debütanten, einen literarischen Quereinsteiger aus der Welt der Wirtschaft. Dabei hatte der Buchhalter Harald Mandl unter seinem Autorennamen Matthias Mander bereits in den 1950er Jahren seine ersten Texte in Zeitungen und Zeitschriften publiziert und sich in seiner steirischen Heimat als literarische Nachwuchshoffnung einen Namen gemacht. Alfred Holzinger, der Literaturchef von Radio Graz (dem heutigen Landesstudio Steiermark), förderte ihn, erteilte ihm Schreibaufträge, sendete regelmäßig die eigentümlichen Kurzgeschichten des jungen Autors, die von den Experimenten der Wiener und Grazer Gruppe gleich weit entfernt waren wie vom traditionellen Erzählen, an dem die alte Autorengarde, von Nabl bis Doderer, unbeirrt festhielt. Manders Sprache war damals bereits, was sie auch heute noch ist: nicht anschmiegsam und geschmeidig, sondern gehauen und gestochen; nicht gemächlich dahinfließend und wohltemperiert, sondern kaskadenhaft und explosiv; nicht reißerisch und doch überreich an innerer Spannung.

 

Die lange Vorgeschichte eines Romanerfolgs

 

Eine Einladung zu den Innsbrucker Jugendkulturwochen, dem alljährlichen Treffpunkt der schöpferischen Nachwuchskräfte Österreichs, ließ nicht lange auf sich warten. Dort empfand sich der literarische Einzelgänger erstmals als Angehöriger einer neuen Autorengeneration: „Ich saß in Innsbruck mit Peter Handke am Frühstückstisch, die wenigen Sätze, die wir sprachen, waren für mich atemberaubend. Ich gewann Freunde für das ganze Leben: den Lyriker Ernst David, Herbert Rosendorfer, Elfriede Gerstl ….“

1963 erhielt er den Prosapreis der Jugendkulturwochen mit seiner Erzählung „Summa Bachzelt“, die bereits alle Charakteristika seines Stils und seines literarischen Weltzugriffs aufweist: Zu Wort meldet sich hier ein Erzähler, der sich nicht von purer Fabulierlust leiten lässt, sondern von seiner Liebe zu den Fakten; der nicht erfindet, sondern findet und seine Funde in einen bisher unsichtbaren Zusammenhang bringt. Erzählen heißt für ihn daher in erster Linie Sammeln und Ordnen von Lebenstatsachen, ist zugleich aber auch der Versuch, anhand eines Spiegel-Ichs die verschiedenen Möglichkeiten der eigenen Biographie auszuloten. Dem von Hermann Broch angeprangerten „Geschichtelerzählen“ verweigerte sich Mander von Anfang an; stattdessen wurde er zum präzisen Protokollanten von Bewusstseinsströmen, zum detailversessenen Schilderer von Landschaften und Lebensläufen.

 

Die „Garanas“-Trilogie

 

Man identifiziert Mander bis heute fast ausschließlich mit seinem ersten und größten Erfolg, dem „Kasuar“ (ein Schicksal, das er mit vielen anderen Autoren teilt), und übersieht dabei leider nur allzu oft, was er in jüngerer Zeit geschaffen hat. Während über den „Kasuar“ schon 1990 eine Dissertation verfasst wurde, harrt seine „Garanas“-Romantrilogie, deren drei Teile im Laufe der letzten zwölf Jahre erschienen sind, noch einer umfassenden Würdigung. Diese Trilogie ist vieles in einem: realistische Schilderung mannigfacher, schwer zu durchschauender Wirtschaftskriminalität; Anklageschrift gegen den entfesselten Kapitalismus; Traktat über Sinn und Wirkung des Schreibens; Sittenbild der österreichischen Gesellschaft – keine Momentaufnahme zur Jahrtausendwende, sondern eine große, zeitgeschichtlich fundierte Bestandsaufnahme – und nicht zuletzt das Portrait einer Landschaft, der Koralpenlandschaft in allen ihren Facetten, zu allen Tages- und Jahreszeiten. Wäre Mander ein Zeichner und Maler, er würde wohl in erster Linie Landschaften malen. Etliche Passagen in der Garanas-Trilogie sind Landschaftsmalerei mit Worten. Ein Beispiel:

„Das Gebirge ist schrundig, es gibt Zinken, Türme, Nasen, Mauern, durchbrochen von Rinnen, deutlich sichtbare, steile, trockene, weißliche Wasserbetten, Schneisen, Schluchten. Die Sonne fällt fast waagrecht in dieses Gebirge ein, hebt lange Felsplatten und Vorsprünge ins helle Licht, und lässt die dahinter einschneidenden Buchten, Höhlen in bizarre Schatten zurücksinken. (…) Über dem Grat stehen grellweiße Wolkenwalzen.“

 

Altersradikalität

 

Die „Garanas“-Trilogie steht wie ein erratischer Block, wie ein Findling in der gegenwärtigen österreichischen Literaturlandschaft. In ihr hat Mander seinen Ansatz, sein Konzept eines an realen Tatsachen orientierten, vieldimensionalen, weitwinkeligen Romans konsequent weitergeführt und radikalisiert. Besonders im dritten, jüngst erschienenen Band der Trilogie, „Die Holschuld oder Garanaser Filamente“, stellt er ein gerüttelt Maß an Altersradikalität unter Beweis. Der „bürgerliche Intellektuelle“, als der er oft und gerne apostrophiert wird, erweist sich darin nicht als Anwalt des Status quo, sondern als dessen Ankläger, nicht als geistvoller Konformist, sondern als zorniger Nonkonformist. Der engagierte Christ Matthias Mander gibt hier mehr denn je dem Zweifel eine vernehmliche Stimme und solidarisiert sich mit Figuren, die an der herrschenden Ordnung verzweifeln.

„Wenn man sich erst einmal eingelesen hat“, bemerkte Florian Felix Weyh in seiner Rezension für das Deutschlandradio Berlin, „kann man dem Sog dieser äußerst fremdartigen Prosa kaum widerstehen. Und das ist es, was Literatur ausmacht: Sie findet für das scheinbar Bekannte eine neue Sprache – und damit neue Erkenntnismöglichkeiten.“

 

Christian Teissl